Klettern

 

 

Kennen Sie den Bsetzisteig schon?

Der Bsetzisteig

Von Felix Ortlieb:
Wie immer: Am Anfang steht der Traum vom Rucksack packen, vom Aufsteigen, der sonnigen Kletterei, der Aussicht, dem Durchatmen und zu guter Letzt dem Lachen in der Gartenwirtschaft.Dem Traum entspringt der Wunsch und wird zum Plan, zum Ziel. Diesem Ideal steht die Realität, diesmal die Gilbiwand gegenüber. Eine forschende Abseilfahrt durch die überhängende, siebzig Meter hohe Wand zeigt schmierig, brüchigen Fels. Frust mischt sich in die Lust. Was lockt denn hier noch?Leicht zugänglich liegt die Gilbi vor der Haustür. Da ist Ausgesetztheit, Abgeschiedenheit trotz der Nähe zum Tal. Das gelbe Band mitten in der Wand gleicht einem Adlerhorst. Über dem Nestrand wirken landschaftlich Reize. Das Glarner Hinterland aus der Vogelperspektive. Südländisch wärmt die Sonne selbst an den kürzesten Tag im Jahr den Balkon. Ein Ort zum Ausschau halten, zum Verweilen, zum Träumen.Die gut erhaltene Büchse in der ältesten Route beherbergt ein Routenbuch und erzählt eine Geschichte.
Acht Verbündete bohrten sich im Herbst 1973 an autofreien Sonntagen die Wand hoch. Es folgte der Wettstreit um die erste Begehung, A0 und ohne Leiterli. Dann die erste Damenbegehung. Später Nachtbegehungen nüchtern oder eben nicht. In den Siebzigern war die hakentechnische Route ein Klassiker, ein Muss. Im Zuge der Freikletterbewegung ging das Interesse an der Wand verloren. Gut 15-jährig ist der jüngste und letzte Eintrag.Ein Grund die Wand frisch zu entdecken, neu zu beleben.
Die Idee: Eine Kunstgriffroute im Freien.
Die Motivation: Beschauliches Feierabendklettern mit Trainingseffekt.Aber wie kommt man kostengünstig zu einer grossen Menge dauerhafter Kunstgriffe? Die Antwort gibt ein Haufen ausgedienter Pflastersteine am Rande der sanierten Klausenpassstrasse. Schnell sind Löcher gebohrt, Armierungseisen einzementiert. Fünfzig präparierte Steine liegen im Keller bereit. Rucksackweise gilt es diese den Berg hoch zu schleppen. In Sisyphusarbeit eine schwebendeBaustelle einzurichten. Abermals Löcher zu bohren, die Stiftzähne einzupassen. Der Fels bekommt ein Gebiss.Das Ergebnis: Eine gestaltete Kletterlinie an recycelten Pflastersteinen. Wo einst Autos drüber donnerten, greifen jetzt Kletterhände, drücken Klettersohlen ab. Der Bsetzisteig ist entstanden. Ein Klettersteig für Kletterer. Eine Kletterhalle unter freiem Himmel. Im sechsten Grad, der Steilheit entsprechend nicht schwierig aber athletisch.Diese Form des Kletterns weist Eigenheiten auf. Die Kunstgriffe am echten Fels verleiten, sich ausschliesslich am Imitierten zu orientieren und festzuhalten, den ursprünglichen Fels zu ignorieren, in dessen Bezug sich mancher Kletterzug elegant lösen lässt. Die Route kann barfuss geklettert werden. Man findet, bei geringer Verletzungsgefahr, ausgeprägte Standflächen und droht Kraftschwund, verspricht ein Schlingenwurf um den nächsten Pflasterstein Entspannung. Der bestürzte Moral-Apostel schüttelt ob alldem nur den Kopf.

Ungewöhnlich präsentiert sich auch die Absicherung. Die Aufmachung einiger Haken geht über die ausschließliche Sicherungsfunktion hinaus. So klinkt man sein Express in den Bauch eines Klettermänndli, oder macht Stand an einem Ringbeisser und neben einem

Hat man die Steilheit überwunden, winkt auf Leuggelen die Gartenwirtschaft, fünf Minuten vom Ausstieg entfernt. Es warten Wurst, Bier, Kaffee und ein Schwatz. Und wie immer, weckt der Heimweg zu guter Letzt, wieder neue Träume.

 

Routenbeschreibung:

Name: Bsetzisteig

Ort:
Koordinaten: 722'500 / 205'500, P. 884.5 Landeskarte der Schweiz: 1 :25'000,
Blatt 1173, Linthal
Oder: 1 :50'000, Blatt 246, Klausenpass

Zugang:
Von Schwändi nach Leuggelen (an Sonn- und Feiertagen Fahrverbot). Von der Leuggelenwirtschaft in südlicher Richtung zur Gilbi (5 Min.). Rechts am „Gilbi-Hus“ vorbei auf die Felsterrasse absteigen. Bei Kette zwei mal Abseilen zum Wandfuss. Oder: Von Nidfurn auf Fussweg durch den Lindenwald aufsteigen zum Wandfuss (ca. 30 Min.).Der Einstieg ist Markiert

Charakter:
Sonnige Südwand.
Steile Kletterei,
vornehmlich an Kunstgriffen

Erschliessung:
Feilx Ortlieb,
in den Wintermonaten 2002-03

Material:
45m Halbseile zum Abseilen. 14 Express